Texte
Der Protagonist, Anfang vierzig, entsagt dem Großstadtleben mit seiner Hektik, beruflichen sowie gesellschaftlichen Verpflichtungen um auf einer dänischen Nordseeinsel Ruhe zu finden. Keine Eitelkeiten, und Rechthabereien mehr, kein Berufsstress, kein Mobilfunk, auch kein Fernsehen, sondern nur noch Dünen, Meer und ein kleines Holzhaus. Er will nichts tun außer er selbst sein.
Er lernt die Bersteinschleiferin Jette Anderson kennen, die ihm eines Tages ein Glasfläschchen für seine Bernsteinsuche gibt. Er hat nicht wirklich vor, Bernstein zu suchen, das Fläschchen in der Jackentasche ist eher ein Alibi für seine ausgedehnten Strandspaziergänge. Als er eher zufällig über einen großen Bernsteinklumpen stolpert, schenkt ihm die Bernsteinschleiferin ein großes Glas, um seine zukünftigen Funde aufbewahren zu können. Aus einer Laune heraus füllt er dieses Glas mit Salzwasser, mit der auflaufenden Flut. Dieses Glas ist der Anfang einer verhängnisvollen Sammlung, einem Dasein das von nun an durch die Gezeiten, durch Ebbe und Flut, bestimmt wird. Er sammelt das Meer und die Zeit in Gläsern. Es ist auch der Beginn einer großen Liebe. Am Ende steht er vor einer riesigen Wand aus Gläsern, alle gleich, gefüllt mit Salzwasser und doch ist jedes Glas ein eigener Kalendertag in seinem Leben, eine Art Tagebucheintrag.
Sein Perfektionismus, dem er ursprünglich entsagen wollte, holt ihn schleichend wieder ein und kostet ihn letztendlich das Leben.
2008







1-Prolog
Mein Tod war dem Dagblatt eine lange Kolumne in den Lokalnachrichten wert. Ein deutscher Tourist, der seinen Sommerurlaub auf der Insel verbrachte und ertrank war vielleicht in Anbetracht der vielen Touristen aus Deutschland, die auf der Insel Entspannung suchten, nicht so ungewöhnlich. Es gab genügend, die die tückischen Gezeitenströme am südlichen Ende unterschätzten und beim Baden aufs offene Meer getrieben wurden. Es kam auch vor, dass Wattwanderern zur vorgelagerten Sandbank der Rückweg abgeschnitten wurde, trotz relativ genauer Kenntnis der Hochwasserzeiten. Oft lag es aber auch an der Unkenntnis, dass bei Neu- und Vollmond Springtide war und das Hochwasser wesentlich höher ausfiel als sonst. Auch drückte der stramme Südwestwind die Tide schneller in die Bucht.
Es gab allerdings keinen Touristen, der mitten auf der Insel, auf festem Land sozusagen, im Salzwasser der Nordsee ertrank. Das war einzigartig!

10-Das Glas

Wie oft stand ich schon im Bad vor dem Spiegel und überlegte, ob ich mir einen Bart wachsen lasse oder nicht? Nie habe ich länger als fünf Tage ausgehalten, dann war mir das Fremdkörpergefühl einfach zu groß, auch wäre mein Bart nicht ganz voll. An beiden Seiten des Kinns gab es Stellen, an denen keine Haare wuchsen, das gefiel mir nicht, und ich konnte es auch nicht ändern. Zum ersten Mal hatte ich eine Fürsprecherin. Ich hielt den hellgrünen Einwegrasierer in der linken Hand und sah mein Spiegelbild an. Meine ersten Fältchen um die Augen, weil ich nie ohne Sonnenbrille rum lief, meine ersten grauen Haare, die schon gar nicht mehr als erste bezeichnet werden konnten: ich hatte sie schon lange. Ich hatte kräftige Oberarme und breite Schultern, leider auch einen leichten Bauchansatz. Den mit Nichtstun, Sehen und Hören klein zu kriegen war lächerlich, aber zum Joggen konnte ich mich einfach nicht aufraffen. Vier Wochen körperliche Arbeit und er wäre weg gewesen. Zu tun gab es aber nichts und Stress, der auf den Magen schlagen könnte war nicht in Sicht. Was würde ich heute Abend kochen? Vielleicht würden wir einfach zusammen kochen, dann wäre ich auch nicht alleine verantwortlich, wenn es misslang. Ich könnte Fisch holen, einen der nicht gleich in der Pfanne zerfiel.
Im Spiegel sah ich das große Glas für meine großen Bernsteine auf dem Regal stehen. Noch war es ohne Inhalt, tomt wie sie sagte.
War ich eigentlich tomt? Klang wie tumb, numb… war ich abgestumpft in irgendeiner Form, um letztendlich hier zu landen? Als Düneneremit? Was war mein Inhalt? Gläser konnte ich viele füllen: Mit Einfällen, kreativen Ideen, Notlügen, schwachen Momenten und Highlights. Wie viele Gläser hatte ich im Keller, versteckt vor der Wahrheit des Tageslichtes, versteckt vor fremden Blicken? Je länger ich mich ansah, umso fremder empfand ich meine Gesichtszüge. Da sah mich ein Mann an, der eine gewisse Ähnlichkeit mit mir hatte und mein Leben kannte. Wenn man ein Wort ganz lange immer und immer wieder sagt, kommt einem das Wort am Ende ziemlich meschugge vor. Ich glaube so sah ich mich. Was war mein Inhalt? Ich konnte nur Einmachgläser aufzählen, eines für Isabelle, die unendlich goldene Korkenzieherlocken hatte und nach dem Sex wie ein schlafender Engel aussah, eines für Patricia, die ich versäumte leidenschaftlich zu küssen, eines voller Holz- und Filzstaub, der mir jeden Morgen in der Klavierfabrik Nasenbluten verursachte, ein Glas voller Groschen, die ich fast immer vor der Schule bei Kubatz in Bazooka-Kaugummis und Abziehbildchen investierte, ein Glas für Herrn Ribbeck auf Ribbeck im Havelland und all die anderen halbvergessenen Gedichte. Regale konnte ich füllen mit Eingemachtem in Gläsern.
Das Glas hinter mir, das war für jetzt, für die Zukunft. Womit würde ich es füllen? Dass ich so viele große Bernsteine finden würde, dass es voll genug wurde um gut da zu stehen, hielt ich für absurd. Ich drehte mich um und nahm es in die Hand. Es war staubig. Ich wusch es gründlich unter dem Wasserhahn, in dem ich es mehrmals füllte und leerte. Vor dem letzen Ausschütten hielt ich es hoch und betrachtete das Wasser, wie es in einer abebbenden leichten Drehbewegung die letzten Luftblasen an die Oberfläche schickte. Das Wasser war klar. Ich hielt mir das Glas dicht vor das Gesicht. Mein Spiegelbild wurde daraufhin zur Unkenntlichkeit verzerrt. Jetzt kenne ich dich nicht mehr dachte ich, du bist neu. Ich hielt es in Richtung Tür, drehte mich mit meiner Wasserlupe zum Fenster um, besah mir alles durch das Wasser. Das Klo schien plötzlich um neunzig Grad nach rechts gedreht.
Ich lief mit dem Wasserglas vor der Nase aus dem Bad in die Küche und versuchte die Dünen zu erkennen. Nichts zu machen, es kamen nur das Sonnenöl und der Pfefferstreuer auf der Fensterbank in mein Visier, verzerrt und seitlich verdreht. Ich stellte das Glas neben die Spüle. Sah das Meerwasser eigentlich auch so klar aus? Hier? In der Karibik? Vor Suva? Mitten im Atlantik? Sah das Flutwasser klarer als das Ebbwasser aus oder hatte es vielleicht mehr Sand, weil es weiter oben am Strand leckte, oder weil man es weiter oben abschöpfen würde, um keine nassen Füße zu bekommen?
Ich schüttete das Leitungswasser in den Ausguss und trocknete das Glas gründlich ab, dann verstaute ich es in meinen Rucksack.
Mittlerweile lief ich nicht mehr den offiziellen Schotterweg, der mich erst vom Strand weg in Richtung Dorf führte, um dann auf die asphaltierte Straße, die auf den Strand führte, zu münden. Ich lief über die Dünenkämme direkt hinter meinem Haus auf den Punkt zu, an dem die befestigte Straße den Strand traf. Ich hatte ein paar Hügel und Mulden als Wegmarkierung auserkoren. So sparte ich die Hälfte der Zeit. Ich wollte mein Glas voll machen. Einmal Nordseewasser. Sollte ich gleich hier das Glas in die Fluten halten oder weiter oben, wo angeblich auch mehr Bernstein zu erwarten war? Es war kein Hochwasser, es fehlten noch bestimmt zwei Stunden. Es konnte auch sein, dass ich bereits nach dem Hochwasser am Strand war, dann war ich zwei Stunden zu spät. Ich zog meine Sandalen aus und krempelte meine Hosenbeine hoch. Das Wasser war kalt und jede Welle, die meine Waden erklomm ließ mich tief durchatmen. Ich zog es vor erst ein paar Mal raus und rein zu gehen, um mich an die Wassertemperatur zu gewöhnen.
So, bei normalem Licht betrachtet, hatte das Wasser eine grau bis grünliche Farbe. In meinem Glas war es klar und farblos. Es war von dem Leitungswasser in keiner Weise zu unterscheiden. Das hatte ich mir doch anders vorgestellt, wenigstens den Hauch einer Färbung. Es waren auch keine Sandpartikel zu sehen, jedenfalls nicht mit bloßem Auge. Ich schüttete das Wasser wieder zurück in die Nordsee und watete im flachen Wasser etwas ziellos umher. War hier eine gute Stelle? Der gleiche Befund. Und hier? Glasklar. Vielleicht musste ich das Glas mehr in Bodennähe halten und mehr in Richtung Strand gehen. Von Brandung konnte an diesem Tag keine Rede sein. Leichter Wind aus Süd bis Südwesten. Kleine Wellen hüpften am Ende ihrer langen Wanderschaft an dieses Gestade. Vielleicht sollte ich die letzte Welle einfangen. Das Ergebnis war interessanter. Es waren Sandkörnchen im Glas, die man durch Schütteln und Drehen des Glases verwirbeln konnte. Dafür konnte ich aber das Glas nicht annähernd randvoll bekommen. Der Wellendurchgang war zu schnell. Oder die Welle eben keine richtige Brandungswelle oder mein Glas für dies Art der Wellen einfach zu groß.
So stand ich da, gegen Mittag mit hochgekrempelten Hosenbeinen, die trotzdem am Saum nass geworden waren, mit einem Glas Wasser in der Hand das halb voll oder halb leer war.
„Papa der Mann da hat nix im Glas!" Ein etwa vierjähriges Mädchen, das neben seinem Vater herlief, deutete auf mich und ich sah Genugtuung, Stolz und ein bisschen Schadenfreude in ihrem Gang, weil sie als Team einfach unschlagbare Sachensucher waren.
11-Das Essen

Man riecht ja noch gar nichts!"
Jette sah hinreißend aus. Ihre dunkelblonden Haare waren hochgesteckt, eine Frisur, die ich bei fast allen Frauen liebte. Ich bemerkte mit verstohlenem Blick, dass sie kaum geschminkt war. Zu den blauen Augen mit den Bernsteinfünkchen trug sie natürlich eine Bernsteinkette aus der eigenen Kollektion, ein Wechsel von rohen und geschliffenen kleinen Bernsteinbröckchen. Darunter betonte ein enges, türkisgrünes T-Shirt die Rundungen ihrer Brüste. Sie trug eine ausgewaschene, hellblaue Jeans und steckte barfuß in Ledermokassins. Eine Jacke musste ich ihr nicht abnehmen. Sie war mir fast auf Augenhöhe.
„Es ist noch früh, ich dachte wir kochen gemeinsam. Ich hoffe, du stirbst nicht gleich vor Hunger."
Sie folgte mir in den Wohn- und Küchenbereich. „Ich kenne dieses Haus nur von außen, dass es innen so schön ist hätte ich nicht gedacht".
„Ich liebe dieses Haus! Seit der ersten Sekunde, die ich herein kam. Ich habe allerdings schon mal den Luxus einer Badewanne vermisst. Früher habe ich das immer genossen, im Minimum anderthalb Stunden im heißen Wasser liegen und den Gedanken freien Lauf lassen. Das war früher meine Königsdisziplin."
„Hier musst du eben die ganz große Badewanne nehmen", sie deutete in Richtung Meer.
„Der Fischhändler hatte heute reichlich Dorsch, ich hoffe, dass du den magst und mir behilflich bist. Mir fällt er in der Pfanne bestimmt auseinander."
„Dann musst du ihn roh essen!"
Natürlich aßen wir ihn nicht roh. Wir setzen uns beide auf die Bank vor dem Haus, quasi im eigenen Dünengarten von einigen tausend Quadratmetern, im Rücken die „Schöne Aussicht" der Küche und vor uns, auf dem Tisch, das Schlachtfeld der Zutaten. Ich schenkte einen Riesling aus der Vergangenheit ein.
„Wo kommst du her?"
„Aus Deutschland, weißt du doch." Sie ließ mir Zeit für den Nachsatz.
„Ich habe nicht mein ganzes Leben an einem Ort gelebt. Ich komme aus Berlin, aus dem Ruhrgebiet, aus Norddeutschland und von den Ufern des Mains. Gefühlt komme ich aus allen Gegenden, an denen die Nordsee Anteile hat. Ich habe Klaviere gebaut, Gitarren gesammelt und gespielt, kleine und große Gebäude errichtet, Bilder gemalt, Skulpturen gebaut, versucht Schüler positiv zu beeinflussen, als Hausierer und Klinkenputzer gearbeitet und ich war Dekorateur und Bühnenmaler und habe als Bootsbauer ausgeholfen. Sehr viele Dinge musste ich parallel bewerkstelligen, hatte finanzielle Höhen und Tiefen, legte mir ein Image und einen Habitus zu, log nie und beugte trotzdem häufig die Wahrheit um zum Ziel zu kommen. Ich habe zig Mal meinen eigenen Scherbenhaufen neu zusammengesetzt, habe mit Freunden und Bekannten immer um das Gleiche lamentiert und irgendwann erkannt, dass es mich anödet. Der normale Weg, erst Studium, dann Karriere, dann Haus bauen, dann Aktien, dann Gourmetkochen, und dann abends um zehn Uhr müde sein langweilte mich. Es wurde nicht mehr gelebt, nur noch funktioniert. Die, die Kinder hatten redeten nur noch über ihre Kinder und die, die keine hatten, hörten nicht auf ständig zu betonen, wie froh sie waren, dass sie keine Kinder hatten. Das war allerdings schon fast wieder ein Schönreden der eigenen Unfähigkeit aus Zwei Drei oder Vier zu machen. Kennst du das nicht, dass man sich für den kommenden Herbst zum Bier verabredet? Lass' es einfach sein, dann ist das, der oder die einfach nicht wichtig genug."
„Und dann bis du hierher gekommen um… was zu machen? Du bist geflüchtet."
„Ja, kann man so sagen. Ich habe vor jetzt ungefähr fünf Wochen da unten einfach die Tür zugezogen und mich ins Auto gesetzt. Ich brauchte dringend Abstand, Bedenkzeit. Vielleicht habe ich mich ja sehr geändert. Ich habe nicht das Recht, nach meinem Maß über andere zu urteilen und musste einfach mal aus dem Sichtfeld der anderen raus. "
„Du hast also noch Freunde?"
„Einen auf jeden Fall, schon seit zwanzig Jahren. Der wird sich wundern wo ich stecke, sich aber trotzdem keine Sorgen machen."
„Hast du eine Frau verlassen?"
„Nein, im Moment nicht."
„Ich glaube, dass ich dich, zumindest im Ansatz verstehen kann, wenn auch mein Leben hier ganz anders ist. Ich kümmere mich um die Bernsteine dieser Insel, wie schon mein Großvater, ich wohne in seinem Haus, mein Einkommen ist gering und ich muss das meiste Geld in den Sommermonaten verdienen. Ich komme gerade so über die Runden. Im Winter arbeite ich manchmal drüben auf dem Festland bei der Ölraffinerie. Ich habe mal Jura studiert und da bin ich dann eine bessere Sekretärin, die die Post nach den juristischen Fällen vorsortiert."
„Es klingt, als ob du sehr glücklich bist mit deinem Dasein. Bist du glücklich, Jette?"
„Eigentlich schon."
„Eigentlich?"
„Hm. Du sagtest vorhin dass du manchmal gelogen hast."
„Nein, nicht gelogen, sondern die Wahrheit gebeugt. Aber es stimmt, wir, das heißt ich und meine Partner haben mal für einen Auftrag gelogen. Da saßen wir am Tisch mit Vertretern einer großen deutschen Fluggesellschaft und hatten die Chance ein Bürogebäude für die zu errichten. Und da haben die uns gefragt, ob wir bis jetzt nur popelige Einfamilienhäuser machen würden. Da haben wir im Chor „Nö" gesagt und gehofft, dass keine Schweißperlen über die Stirn laufen."
Habt ihr den Auftrag bekommen?"
„Klar! Den einzigen Auftrag, den wir bis dato hatten war ein Einfamilienhaus. Kinderlügen zählen nicht, oder?"
Wir lachten uns an. „Besser nicht!"
Schweigend saßen wir beide auf der Bank und blickten über die Dünen.
„Und jetzt willst du einfach mal nichts machen?"
„Ich will es versuchen. Das große Nichts, fünf Wochen halte ich ihm schon die Treue."
„Das geht nicht. Man denkt immer an irgendetwas."
„Das ist schon möglich, aber ich will es mal versuchen. Ich bin hier her gekommen mit dem Vorsatz, nur den geringsten Grundbedürfnissen Raum zu gewähren, Essen, Trinken, Laufen, Stehen, Schlafen, Sitzen…."
Sie schaute mich ziemlich fragend an.
„So ungefähr jedenfalls." Sagte ich.
„Was ist mit reden? Was ist mit Menschlichkeit?" sie gestikulierte mit den Armen, „Was ist mit…"
„Sex?"
„Was ist damit?"
„Ich bin alleine, das heißt ohne Freunde, ohne Frau oder irgendeine Gesellschaft losgefahren und hier angekommen, diese Bedürfnisse standen also nicht zur Debatte. Ich gestehe, dass ich mich gerade sehr gerne mit dir unterhalte und räume hiermit meiner Auflistung Mängel ein."
„Ich hole mal eine neue Flasche Wein. Dein Wein ist viel besser als der aus unserem Supermarkt." Sie ging ins Haus und ich hörte sie am Kühlschrank hantieren. Sie kam mit der neuen Flasche an die Terrassentür und musterte mich eingehend.
„Sie sind ein wenig sonderbar Herr Sondermann."
„Ja, ich muss immer wieder neu entdeckt werden, wie ein Bernstein. Von jeder Seite sieht er anders aus."
Sie schenkte unsere Gläser voll und setzte sich dicht neben mich. „Du hast zu viele Ecken und Kanten um dich schön zu schleifen," murmelte sie uns sah mich dabei direkt an.
„Belasse es bei der Rohfassung", ich berührte ihre Bernsteinkette und nahm sie zwischen Daumen und Zeigefinger, „die steht dir am allerbesten. Du hast den Bernstein in den Augen, auf den Wangen, dem Nasenrücken", ich nahm ihre Hände in meine, „ auf den Unterarmen, den Handrücken, die Sammlung fängt ja schon bei dir an."
„Sie geht noch weiter. Aber diese Sammlung sieht nicht jeder."
„Dachte ich mir."
Wir prosteten uns zu.

Die Sammlung war wunderschön und tief. Sie schimmerte unter einem perlenden, salzigen Glanz im matten Licht der Sommersonnenwende, pulsierte am Hals in dunkleren Nuancen und verlor sich im dunklen Spalt zwischen ihren Brüsten.
Später bekamen wir wieder Hunger und nahmen uns einen Teller mit ins Bett.
„Hast du sie jemals alle gezählt?"
„Sei nicht albern, wie soll ich sie auf dem Rücken zählen. Sag' du mir wie viel ich habe."
„Ich bin vorhin bis vierzig gekommen …"
„Dann musst du wohl noch mal zählen."
Es war mit Abstand die schönste Art, Bernstein zu suchen.

Ich ließ Jette schlafen und richtete das Frühstück, nackt wie ich war. Mit dem ersten Kaffee stellte ich mich in die Schlafzimmertür und sah mir dieses friedlich schlafende Gesicht an. Sie wurde aber vom Kaffeeduft nicht wach, wie in dieser albernen Werbung. Mein Gott, was war man doch infiltriert durch allerlei Werbespots, wie oft fiel mir ein Slogan aus der Werbung ein, wenn ich gerade etwas sah, jetzt diese Kaffeeduftfahne, die von meiner Tasse ausging, Jette in die Nase stieg und sie mit sofortigem, taufrischen Aussehen nach meiner Tasse greifen ließ. Lange gefilterte Werbung setzt sich letzten Endes.
Ich küsste sie wach, mit Kaffeegeschmack auf den Lippen.
Wir leisteten uns den Luxus nackt zu frühstücken. Niemand musste zum Bäcker, ich hatte glücklicherweise oder war es vorsätzlich gewesen, genügend Brötchen zum Aufbacken gekauft. Jette entging dies nicht. „Du hast wirklich an alles gedacht."
„Mein Hirn handelt gerne mit Optionen und schließt jede Eventualität in Betracht. Da kann ich gar nichts machen." Sie setzte sich breitbeinig auf meinen Schoß.
„Wollen wir nach dem Frühstück Bernstein suchen?"
„Welche? Hier drinnen oder da draußen?"
„Über die Reihenfolge muss ich noch mal nachdenken." Sie erhob sich, ging zur Küchenzeile und goss sich eine zweite Tasse Kaffee ein.
„Warum hast du Wasser in das große Glas gefüllt?"
„Ich kann es dir gar nicht genau sagen, vielleicht weil es im Moment so schön sinnlos erscheint. Es ist ein bisschen Sand drin, weil ich es direkt aus der letzten Welle vor dem Strand geschöpft habe. Vorher habe ich in tieferem Wasser geschöpft, an diversen Stellen, von den paar Sandkörnern abgesehen, sah das Wasser immer gleich aus, immer klar und ohne Färbung. Ein vorbeigehendes Mädchen sagte übrigens zu ihrem Vater, dass ich gar nix im Glas hätte."
„Und doch gibt es einen Unterschied", erwiderte Jette, "das Wasser was du direkt am Strand schöpfst, muss etwas wärmer sein, als das Wasser weiter draußen". Wahrscheinlich kann man es aber nicht einmal nachmessen" gab ich zu bedenken. Ich spann den Faden weiter:
„Du könntest doch, mal angenommen du hast ganz viele Gläser und ganz viel Zeit, so viel Wasser schöpfen, dass du, wenn du Glas an Glas stellst, einen breiten Fluss über Land, oder eine Straße, oder quer durch ein großes Gebäude darstellen kannst."
Jette schmierte sich noch eine Brötchenhälfte und hielt plötzlich im Schmieren inne. „Du könntest ja auch Wasser an allen Ecken der Welt sammeln, und dann das Meer, das gesamte Weltmeer irgendwo präsentieren."
„Oder vermischen" entgegnete ich. „Ein bisschen warmes Wasser aus dem Mittelmeer zum Nordatlantikwasser, damit der Golfstrom nicht auskühlt. Du kannst auch eine Gläserkette ins Leben rufen, damit Wasser von A nach B kommt."
„Für einen guten Zweck dann am Ende meistbietend versteigern." Jette musste selber über ihre Idee lachen.
„Siehste, während wir hier frühstücken und draußen die Tide ihren Lauf nimmt, sprudeln uns nur so die Ideen aus dem Kopf. Ich weiß noch nicht was ich mit einem Wasserglas anfangen soll. Vorläufig beobachte ich es. Wir können es ja nachher mit an den Strand nehmen."
„Willst du gar keinen Bernstein mehr sammeln?" Jette schaute mich fragend an.
„Doch, mit dir immer. Du hast da übrigens zwei, die ich mir unbedingt noch einmal näher ansehen möchte."
„Nur ansehen?"
„Ich halte sie auch sehr gerne in den Händen."


12-Das Wasser

Wo möchtest Du deine Probe entnehmen?" Jette öffnete ihre Arme vom linken zum rechten Horizont als umspanne sie, einem Händler gleich, ihr gesamtes Warensortiment und bot mir an, davon zu kosten.
„Hast du eine Lieblingsstelle hier am Strand, wo ich kosten darf?"
„Weiter oben, wo der alte Flakbunker ist. Das bildet sich bei Ebbe ein kleiner Priel und mehrere Kogs, kleine flache Wasserlachen, die dann zunehmend im Sand versickern."
„Dann gehen wir doch am besten da hin."
Wir liefen beide barfuß durch das knöchelhohe Wasser, Hand in Hand.
„Willst du nach Steinen suchen?" fragte ich sie.
„Nein, heute ist kein Bernsteintag und hier am Strand findest du sowieso nur die ganz kleinen Krümel, für die kleinen Gläser." Jette lachte mich an und zeigte in südwestliche Richtung. „Dort liegt die Galgenbank, da ist die Chance große Funde zu machen am besten. Die Suche ist dort aber auch am gefährlichsten, weil dir bei Flut der Rückweg durch das Galgentief abgeschnitten wird."
„Der Name sagt ja schon alles." sagte ich.
„Eben. Bei Sturm werden die großen Brocken zuerst dort angespült und bleiben da zusammen mit dem Tang hängen. Die kleinen werden über die Sandbank gespült und landen dann an diesem Strand. So einfach ist das. Manchmal findet ein Tourist auch hier am Strand einen großen Stein, das ist aber in der Regel eher selten."
So liefen wir über den Strand.
„Hier. Hier ist gut. Hier ist mein kleiner Priel."
Der Priel war noch nicht gänzlich da, dafür war der Wasserstand noch zu hoch, man konnte sein Dasein nur erahnen. Ich hielt das Glas mit der Öffnung zum Strand hin und tauchte es nur knapp ins Wasser. Der Ebbstrom füllte langsam das Glas, während er sich stetig vom Strand entfernte.
„Hier bitte, Ebbwasser aus deinem Priel."
„Es ist klar. Bei Flut müsstest du dein Glas genau anders herum halten." Jette deutete raus aufs Wasser.
„Ich brauche ein zweites Glas", sinnierte ich, „dann kann ich das kommende mit dem gehenden Wasser vergleichen."
„Es wird sicherlich genauso klar sein. Und dann?" Jette sah mich fragend an.
Ich zuckte mit den Achseln. „Dann habe ich erst einmal zwei Gläser in der Küche stehen, wahrscheinlich absolut identisch, vielleicht nicht in der geschöpften Menge aber im Aussehen."
„Hat das dann eine Bedeutung?"
„Wie wäre es mit dem Wunsch, das Leben, das uns gegeben ist mit aller Macht bei sich zu behalten?"
„Hm."
„Nein? Dann: Der Mensch ist in seiner unerreichten Gier so geartet, dass er alles was er kriegen kann, was sogar von selbst auf ihn zukommt raffen und horten will?"
„Dann erweitere es und sage: Solange es da ist fällt es ihm nicht weiter auf, ist es ihm egal, erst wenn es zu verschwinden droht, gibt er sich die größte Mühe es zu halten."
Wir saßen eng nebeneinander im Sand, das Beuteglas vor uns in den Sand gestellt und sahen hinaus aufs Meer.
„Man kann auch", dachte ich laut, „exakt bei Hoch- und Niedrigwasser sammeln, dann bekäme es wieder einen ganz anderen Sinn."
Jette drehte ihr Gesicht zu mir, der Wind spielte mit ihren Haaren, die sich in meinen Bartstoppeln verfingen.
„Was wäre deine Bedeutung Urs?"
„Das Glas mit dem auflaufenden Wasser symbolisiert das Schicksal, nimm zu Beispiel uns beide. Es hat uns zusammengeführt, das Glas mit dem ablaufenden Wasser könnte der Wunsch sein, etwas zu halten, es nicht verlieren zu wollen. Das Glas, geschöpft bei absolutem Niedrigwasser ist der Moment der inneren Einkehr, der tägliche Moment, in dem du dich hinterfragst, dein Handeln, vielleicht manchmal dein Dasein geprüft wird. Du musst entbehren und entsagen. Das absolute Hochwasser ist der Überfluss, den man durchaus genießen darf aber letztendlich auch teilen und weiter reichen sollte. Brauchen tue ich zumindest beide Momente, das Tief und das Hoch, um das Ganze zu erleben."
„Das hast du schön gesagt. Am meisten würde ich die Gläser mit dem ablaufenden Wasser lieben."
„Warum nicht das auflaufende?"
„Weil ich das in deinem Sinne als gegeben ansehen muss. Das Dasein ist bis zu einem Punkt geflossen, an dem es sich getroffen hat. Die Bemühung, es beim Ablaufen einzufangen, es eigentlich daran zu hindern berührt mich zu tiefst, Urs Sondermann."
Schweigend sahen wir den Wellen zu.
Wir hatten eine ganze Weile so im Sand gesessen und den Hunger vernachlässigt. Wir beschlossen im einzigen Hotel des Dorfes, das von einem entfernten Verwandten von Jette geführt wurde, Essen zu gehen.
Wir liefen, jeder in seine Gedanken versunken zusammen am Strand zurück.
„Das macht vier Gläser am Tag." Jette schien den ganzen Rückweg an die Wassergläser zu denken.
„Genaugenommen sind es noch mehr", antwortete ich. „Weil du häufig zwei Hoch- oder Niedrigwasser am Tag hast, dazu käme dann noch die zusätzlichen Gläser für kommendes oder gehendes Wasser. Manchmal zweimal steigendes Wasser und einmal fallendes, oder genau anders rum. Zweimal fallend und einmal steigendes Wasser. Macht sieben Gläser am Tag."
„Das heißt aber, dass man teilweise zu ganz und gar unchristlichen Zeiten mit einem leeren Glas am Strand erscheinen muss. Nachts hätte ich dich lieber bei mir." Sie küsste mich, als ob sie aus der Überlegung eine nachdrückliche Forderung machen wollte.
„Vier Gläser am Tag reichen doch. Das sind achtundzwanzig Gläser die Woche, zirka einhundertundzwölf Gläser im Monat…"
Sie sah mich listig von der Seite an. „Ertappt mein Lieber. Du bist hier her gekommen um nichts zu tun. Ich habe dir gesagt, dass man das Denken nicht außen vor lassen kann. Du kannst nicht Nichts tun."
„Wohl wahr. Ich täte allerdings nichts Großes. Erzähl mal den Leuten im Dorf, dass ich jeden Tag exakt vier Wassergläser mit Nordseewasser abfülle."
„Du wärest der letzte Depp!" Jette konnte sich vor lachen kaum halten.
„Genau. Ein Nichtsnutz, der nichts auf die Reihe bekommt. Gar nicht der Rede wert."
„Darf ich ihnen meinen neuen Freund vorstellen? Was macht er denn? Er sammelt Wasser in Gläsern vier Mal am Tag und jedes Glas sieht gleich aus. Kindchen lass die Finger von dem." Wir lagen uns lachend in den Armen.
Ich sah Jette fragend an: „Hast du einen Tidenkalender?"

13-Das Meer

War ich im Begriff, mich neu fest zu legen? Verliebte ich mich gerade neu und ging damit wieder einem Alltag mit klar strukturierten Bahnen entgegen? Was empfand Jette für mich? Lass' es langsam, behutsam wachsen sagte ich mir, gib ihm einen Hauch der Leichtigkeit und der Zwanglosigkeit. Ihre Gesellschaft war überaus angenehm, sogar leidenschaftlich wie ich gestehen musste. Waren wir ein Paar, weil wir eine erste Nacht miteinander verbracht hatten, der sicherlich weitere folgen würden oder waren wir ein Paar, weil wir den selben Blick für die Dinge hatten, unsere Nischen der Ruhe suchten, um schrittweise zu verstehen?
Was verstehst du überhaupt, du Wicht! Haust einfach ab, weil dir das Leben, welches dich ernährt hat mal eben zu viel wurde? So kannst du nicht ewig weiter machen mein Freund. Du wirst eine Entscheidung treffen müssen.
Ja, ja. Lass' mich doch wenigstens jetzt diesen Moment genießen. Lass mich doch einfach mal zwischen zwei Dingen sein. Das ist nicht strafbar! Gib' mir eine schöne Musik! Komm, was Feines!
Mein Hirn war etwas unschlüssig, er will Muse und nicht mit mir streiten! Es gab mir „Protection" von Massive Attack. Dieses Schweinehirn unterwanderte meinen Wunsch mit einem Hauch von beiläufiger Melancholie. Es schickte mir Bilder der Erinnerung, an eine Zeit vor einem guten Jahrzehnt. Ich war damals todunglücklich mit meinem Job und dem Wunsch freier zu werden, mehr meine Kunst zu machen und verbrachte die Abende mit einer wunderbaren Frau in einer Hängematte mit Wein, Erzählen und der Ungewissheit was das werden würde, was dann nichts wurde.
Also gut! Den Stecker kann ich dir nicht ziehen, ich gehe jetzt raus, über die Dünenkämme. Du kommst mit, bist aber still!
Es war schwachwindig. Ich stand auf einer hohen Düne und blickte über das Meer. Die kleinen Wellen glitzerten in der Sonne. Ich habe das Meer eigentlich nie wirklich still erlebt. Auch bei absoluter Flaute schien das Meer unter seinem bleiernden Mantel nicht wirklich zu schlafen. Eine leichte Dünung war immer da. Als würde es einem sagen: Ich ruhe nur, ich weiß genau dass du da stehst und mich beobachtest, oder dass du manchmal auf meinem Rücken den Tag verlebst während du hoffst, zügig weiter zu kommen. Dass dir der nötige Wind fehlt um deine Segel zu füllen, dafür kann ich nichts und ich bin froh, dass er mich heute mal in Ruhe lässt. Von meinem erhöhten Standpunkt aus, der mit modernen Navigationsmittel exakt auf Länge und Breite bestimmbar war, blickte ich nach Westen. Ich stellte mir das feine Fadenkreuz unter meinen Füßen vor. Ich bewegte mich kein Stück. Ich blickte über das Meer in Richtung England. Stand da drüben vielleicht auch gerade jemand und blickte hierher? Er wäre auf einer anderen Länge, aber auf derselben Breite, wir wären sozusagen auf gleicher Höhe, nicht aber auf der Höhe der Zeit. Seine Uhrzeit war jünger. Wie könnte ich ihm eine Botschaft mitteilen? Auf dem einfachsten Weg?
Ein Franzose hatte bei der ersten Segelregatta rund um die Welt, die Ende der sechziger Jahre stattfand, für diesen Fall ein Modellboot an Bord. War sein Boot schon eine Nussschale in der Weite des Pazifiks, so war dieses Modellboot von ungefähr sechzig oder siebzig Zentimetern, das wohl kleinste noch halbwegs fahrbare Etwas. Zwischen den beiden Masten hatte er eine Plastikflasche geklebt auf der Message stand. Er versah sie mit einer Botschaft und schickte diese Bootschaft los. Meines Wissens ist es wirklich irgendwo an die australische Küste gesegelt und dort gefunden worden.
Ich könnte doch auch ein kleines Boot mit einer Nachricht rüber segeln lassen. Ob es drüben ankäme? Welche Mitteilung würde ich denn verfassen? Hallo Finder dieses Bootes, ich heiße Urs Sondermann und…
Als kleiner Junge hätte mir das Spaß gemacht, dieses Flaschenpostwesen mit einem Modellboot.
Ich stand wie angewurzelt auf meinem Denkposten in den Dünen, reiste in Gedanken Jahre zurück, raste mit konstanter Erdgeschwindigkeit und hatte real keine Entfernungen zurückgelegt. Die Position war bis auf die Bogenminute, ja sogar bis auf die Sekunde unverändert.
Das Meer schickte eine ganz leichte Dünung an den Strand, die mich aus meinen Gedanken brach.
Du hast zugehört nicht wahr? Du würdest mein kleines Boot sicher rübertragen oder?
Das würde ich schon tun, kam es aus den Wellen, aber reden musst du mit dem Wind. Er dürfte mal eine ganze Zeit lang nicht aus Westen wehen.
War ja nur so ein Gedanke. Ich lasse dich jetzt in Ruhe. Du hast mich nicht gestört, ich habe nur vor mich hin gedöst. Ich bin sowieso wieder auf dem Rückzug.
Also dann bis morgen.
Ja, bis morgen.

Jette hatte mir ihre letzten drei großen Gläser spendiert, den Tidenkalender hoffte ich in dem Hauptort im Nordteil der Insel zu bekommen.
„Tut mir leid, den haben wir nicht." Ich blickte den Buchhändler der einzigen Buchhandlung im Ort wohl so fassungslos an, das er mitfühlend ergänzte: „Die Touristen interessiert das eigentlich nicht, die nehmen das Wasser wie es kommt. Seeleute und Fischer haben wir eigentlich seit vierzig Jahren nicht mehr. Tut mir wirklich sehr leid, Sie können es der lokalen Zeitung entnehmen oder sie gehen ins Internet."
Ich kaufte einen Schreibblock und ein paar Minenstifte, mehr aus der Verlegenheit heraus, nicht ganz umsonst hierher gefahren zu sein.
Ohne genaue Angabe der Gezeiten konnte ich nicht meine Gläser füllen, so viel stand fest. Jette hatte bestimmt einen Internetzugang.
Ich fand den Gebrauch dieses Mediums, das immer mehr den Verlauf des modernen Lebens bestimmte, Sinnvolles wie Schwachsinniges anbot und sich ständig in seiner Gier nach Aktualität mit rasender Geschwindigkeit überholte und selbst altern ließ, für mein Vorhaben unangebracht. Früher gab es Zeiten, da war ich pausenlos online, zum Teil berufsbedingt. Auf der Oberfläche meines Anbieters konnte ich stündlich die Änderungen der aktuellen Nachrichten lesen, zum Spaß wechselte ich manchmal auf meine Zeitung, um zu sehen wie groß die Meldungsdifferenz zur Morgenausgabe beim Frühstück war. Ich kam jedes Mal zu dem Schluss, dass es reichte, abends um zwanzig Uhr einmal informiert zu werden. Manchmal reichte es auch, zweimal in der Woche Meldungen zu bekommen, ich blieb auch dann gut informiert. Dieser Wahn, mir jede Minute eine zur Wichtigkeit aufgeschäumte Posse als Nachricht zu verkaufen, weckte in mir schleichenden Widerstand.
Ich ging wieder zurück zum Buchladen.
„Könnten sie mir den Gezeitenkalender bestellen?"
Er musterte mich über den Rand seiner Brille,: Selbstverständlich", und setzte ein "sehr gerne" hinterher, als hätte er den Sinn meiner Bestellung erkannt. Er notierte sich meinen Namen in ein Ringbuch und bevor er Tidenkalender dahinter kritzelte blickt er kurz auf: „Es gibt ein irisches Sprichwort: Time and Tide tarry no man."
„Ich weiß", erwiderte ich, „Zeit und Gezeiten warten auf Niemanden." Ich habe zu warten."
Er antwortete mit einem „Ja", das die Länge von Tidenkalender in seinem Ringbuch hatte.
Im Geiste reichten wir uns die Hand.

„Ich habe einen Tidenkalender bestellt." Jette blickte von ihrer fummeligen Arbeit auf. „Die Zeiten hättest du doch bei mir im Netz nachsehen können."
„Wollte ich aber nicht!" Ohne aufzublicken murmelte sie: „Soso, ein reines, wahrhaftes Vorhaben also, ich verstehe."
„Nein, ich habe nichts vor. Mich interessiert eigentlich erst Mal, ob wir recht hatten, dass es mehr als zwei Hoch- oder Niedrigwasser am Tag gibt oder geben kann."
„Geh' in die Küche, da liegt die Zeitung. Unten links, beim Wetter, sind die Gezeiten abgedruckt." Sie ließ ihre Hände mitsamt dem Kettenanhänger den sie gerade bearbeitete in den Schoß fallen. „Du hast dir einen ganzen Gezeitenkalender bestellt." Sie musterte mich eingehend. „Ich kenne dich eigentlich gar nicht genug, aber ich glaube dass Nichts tun nicht deine Dauerbeschäftigung sein kann."
„Lass das mal mein Konflikt sein", sagte ich.
„Ich komme später, wenn du schließt vorbei."
„Meine Bernsteinsammlung bleibt heute Abend aber geschlossen."
„Es ist deine Sammlung. Lass uns ein Bier trinken gehen." Ich trat aus dem kleinen Verkaufsraum ins Freie. Ihr ging es wohl wie mir, etwas zu schnell, und dennoch war ich leicht enttäuscht über ihre Bemerkung.
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