Seelenvogel
Ein Projekt für den Regionalpark RheinMain
Auftraggeber: Planungsverband Ballungsraum Frankfurt Rhein-Main
Standort: Am Bruchsee, Stadt Egelsbach, Landkreis Offenbach, Hessen
Landschaftsplanung: Büro Neuhann & Kresse, Darmstadt


Edelstahl und Polyestergewebe,
Spannweite 5,00 Meter,
Figur überlebensgroß auf 6,00 Meter hoher Stahlsäule
Gewicht der Figur 500 kg
Gesamthöhe 9,60 Meter
Fertigstellung September 2005
L a u d a t i o
anlässlich der Einweihung der Skulptur ‚Seelenvogel' von Herrn Wujanz
am 2.09.05 von Andreas Neuhann

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
meistens verbinden wir Kunst im Freien mit dem städtischen, dem urbanen Raum. In Darmstadt befindet sich auf dem Luisenplatz zentral die Ludwigssäule im innerstädtischen Kontext. Ich erwähne diese Arbeit bewusst als ein seltenes Säulenmonument nördlich der Alpen.

Dieser Ort, ‚Platz des Windes' genannt, ist anders, seine Bezüge eindeutig landschaftlicher Art. Das eröffnet andere Möglichkeiten der Wahrnehmung und der Rezeption. Menschen, die hierher kommen, wollen sich erholen, suchen Entspannung und Ruhe und werden dabei -sozusagen am Wegesrand- überraschend mit einem Kunstwerk konfrontiert. Das heißt, die Aufnahmefähigkeit ist größer, die Zeit länger, die Psyche offener und die Beschäftigung damit intensiver. Dieser Umstand ermöglicht dem Betrachter die Gedanken zu beflügeln - Kapriolen und Sturzflüge inbegriffen.

Als ich die ersten Skizzen von Herrn Wujanz zu der Skulptur ‚Seelenvogel' sah, war meine spontane Assoziation der griechische Mythos von Ikarus. Aber es ist nicht der in der bildenden Kunst öfter dargestellte stürzende Ikarus, der der Sonne zu nahe gekommen war. Vielmehr ist bei der Arbeit von Herrn Wujanz der Ikarus auf dem Weg nach irgendwohin - segelt gelassen davon... Übrigens - auf die Idee mit den künstlichen Flügeln hatte Ikarus sein Vater, Dädalus, gebracht und er soll deswegen hier nicht unerwähnt bleiben. Aber ist es überhaupt der Ikarus, der hier dargestellt ist?
Unter den menschlichen Charaktertypen gibt es den Philobaten. Dieser liebt die offenen Weiten und alles Schwere ist ihm Last und Hindernis. Ihn reizen die Gefahren riskanter Höhen und unbekannter Strecken. Der Philobat durchmisst seine Welt mit dem Fernblick, erprobt sein Gleichgewicht in waghalsigen Schwebe-und Balanceakten. Steckt nicht etwas von diesem Charaktertyp in der Figur?
Der Künstler selbst bezeichnet seine Arbeit schlicht als Flieger, ausgestattet mit Fliegermütze und -brille. Sie ist eine Hommage an die ersten, mutigen Flugpioniere, z.B. Otto Lilienthal oder die Gebrüder Wright, deren ganzes Handeln beseelt war von dem Wunsch, fliegen zu können und die dafür keine Art von Risiko scheuten.
Ikarus, Philobat, Flieger - sie sehen, diese Skulptur ist eine Projektionsfläche, die bei jedem unterschiedliche Assoziationen auslösen und zulassen kann. Ich halte das für eine große Qualität dieser Arbeit.

Nun zum Künstler selbst: Herr Kai-Georg Wujanz wurde 1965 in Lünen geboren und ist in West-Berlin aufgewachsen. Er ist gelernter Klavierbauer, studierte an der FH-Darmstadt Innenarchitektur und war mehrere Jahre als Architekt und Innenarchitekt tätig.
Seine künstlerische Laufbahn begann bereits in den 80er Jahren, vorerst in der Malerei. Seit 1998 arbeitet er auch an Großskulpturen. Seine letzte Arbeit, „Die Kelten", eine Skulpturengruppe an zwei rekonstruierten Hügelgräbern, können in Ober Roden im Kreis OF besichtigt werden.

Seelen/Vogel ist ein zusammengesetztes Wort - übrigens genauso wie Landschafts/Park. Es verweist sprachlich und formal auf einen Zusammenhang zwischen Mensch und Tier, genauer gesagt Mensch und Vogel. Über Jahrhunderte hinweg war der Vogel Vorbild des Menschen für den Traum vom Fliegen. Das ist Vergangenheit. Jetzt, in einer Zeit, in der ein Flug billiger ist als eine Bahnfahrt, stellt sich die Realität komplexer dar. Wir wissen jetzt, im positiven wie im negativen Sinne, was es bedeutet, dass der Traum vom Fliegen Realität geworden ist.



Mit der Skulptur "Seelenvogel" ist dem Künstler Wujanz ein Zeichen gelungen - ein Zeichen in der Landschaft mit Fernwirkung. Erst durch diese Skulptur wird der Landschaftspark Egelsbach seinem historisch tradierten Namen gerecht, denn der beruft sich auf die alten Vorbilder, sprich Gartendenkmale aus dem 18.und 19. Jahrhundert vor allem in England und Deutschland. Und schon dort waren vertikal betonte Skulpturen fester Bestandteil der Konzeption. Erwähnen möchte ich ein bekanntes Beispiel aus Hessen, den Herkules im Park Wilhelmshöhe zu Kassel sowie die Grennvillesäule im Park von Stowe, England. Durch die Platzgestaltung in Verbindung mit der Skulptur ist ein unverwechselbarer Ort entstanden, der seine eigene Atmosphäre entwickelt.


Für mich bleibt diese Skulptur ein Initial- besser ein Start. Sie spannt den Zeitbogen vom Mythos Ikarus hinüber in das 19.Jh., wo die ersten Versuche des Menschen zu fliegen stattfanden bis in die Realität unserer Gegenwart. Ein Start auch in geistiger Hinsicht, hier den Körper auszuruhen, die Gedanken fliegen zu lassen - der Raum dafür ist weit.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.



Andreas Neuhann, Landschaftsarchitekt, 30.08.05
Sommeratelier, Boots- und Schiffswerft
Heino Gerdes, Varel, Friesland
Objekte